Aachener Zeitung, 03. Juni 2002
Kommunikative Bankrotterklärung
»Burn your phone«: Spiel in einer Welt, in der viel geredet und nichts gesagt wird
Aachen. "Burn your phone" verbrenne dein Telefon) ist die neue Inszenierung der freien Aachener Theatergruppe "Spürbar" betitelt. Schlüpfte das Ensemble bei seinen ersten beiden Stücken - Woody Allens "Gott" und "Tod" - in bizarre Rollenkonstellationen, so frönt es nun der zwischenmenschlichen Normalität. Am Wochenende feierte man Premiere.Viel wird geredet, nichts wird gesagt in der präsentierten Welt steter Erreichbarkeit. In Szene gesetzt wird die kommunikative Bankrotterklärung einer Gesellschaft mittels einer Collage. Regisseurin Nicole Erbe hat mit ihrem Team dramatische Dialoge von James Saunders, Flan O'Brian, Daniel Charms, Horst Hussel, Wolfgang Deichsel und Dario Fo ineinander verwoben. Roter Faden der aufgereihten Kurzszenen ist das Hörspiel "Burn your phone" des Briten Andrew Wallace. Darin bekommt ein Telefonist so manches zu hören.An die Hörer, wählen, sprecht: Der Reigen beginnt. Telefonistin Angie (Anja Ritterbeck) bringt sich in Stellung. Ihr Büro, ihre Telefon-Zelle im wahren Wortsinn, staffiert sie gleich einmal mit allerlei popkulturellen Utensilien aus. Hardrockfan scheint sie, doch nicht durch und durch.Das "Ich-bin-anders-als-ihr"-Outfit trägt sie sauber und knitterfrei, ihr Punk ist Plagiat, wie aus dem Versandhaus. Passend schöne neue Kaufhauswelt verstrahlt auch das Bühnenbild (Helga Hummel), die leeren Bilderrahmen baumeln innen leblos von der Decke wie im Möbelland der Elche.Nichts dahinter also, aber nach außen behält sie Fassung, die Rednerschaft. Ob auf einer Party, ob beim einsam-zweisamen Téte-á Téte, Reden ist zwar nur Silber, aber zum Schweigen, da bräuchte man - einen Colt! Und tatsächlich: Treiben sonst eher pubertierende Teenager ihre neckischen Späße mit der Telefonistin, so gibt es nun eine zünftige Morddrohung. Wieso, weshalb, warum? Musste es einfach einmal gesagt werden? Die Auflösung wird hier nicht verraten.Nur so viel: Das Geschehen um telefonierende Normalos ist weitgehend skurril. Etwa, dass sich die Gespräche suchenden Menschen mit ihren modernen Mobiltelefonen oder doch zumindest Festnetz-Tasten-Telefonen über eine mit Headphone und Computer ausgestattete Telefonistin mit ihren Zielen verbinden lassen müssen, anstatt die ihnen bekannten Nummern einfach selber zu wählen. Da schweigt die Auskunft.Schweigen, und dies überaus charmant, das kann Berry (Michael Wülker). Betrogen und verlassen ist er, seiner Ex (Ann Gontarek) hat er nicht mehr viel zu sagen, sie ihm auch nicht - eine rührende Szene. Toll in Szene setzt auch Marina Homberger einen Dario-Fo-Dialog zwischen einer Hausfrau und ihrem diebischen Gatten (Thomas Marx). Das ist hoch amüsant, wie auch die in die Höhe gereckten Arme bei einem fein choreografierten "Ballett" telfonierender Hände.Die unterhaltsame, mit viel Applaus bedachte Szenenfolge bestreiten des weiteren Jörg Hanusch, Bernd Weishaupt, Astrid Lewalter, Renate Rinkens, Jeanette Schuster-Marx und Pianist Eberhard Waffenschmidt.Termine:Die weiteren Termine von "Burn your phone" kommen den Donnerstag, Freitag und Sonntag jeweils um 20 Uhr in der Klangbrücke, Altes Kurhaus, Kurhausstraße 2.

Bildunterschrift:Dreh- und Angelpunkt des Stückes "Burn your phone: Telefonistin Angie(Anja Ritterbeck).
Foto: Andreas Schmitter
|